4. März 2013, Montag
Das blankgeputzte Messingschild reflektiert die kalte Märzsonne, es blitzt geradezu.
Blitz – da gibt es doch ein Sprichwort: Für eine Frau von über 40 ist
es wahrscheinlicher, vom Blitz getroffen zu werden als einen Mann zu finden.
Nun, das mit dem Blitz habe ich schon hinter mir, sogar zweimal, geht es mir
durch den Kopf.

Ich bin drei Jahre alt, sitze auf der Toilette, ein Gewitter zieht auf. Plötzlich
schlägt der Blitz ins Haus ein und fährt hinter mir am Wasserrohr entlang
nach unten. Die Tapete über dem Rohr verfärbt sich erst bräunlich, fängt
dann an zu qualmen und widerlich zu stinken. Ich schreie entsetzlich. Selbst
höre ich es nicht, meine Mutter erzählt es mir später. Mein Gehör kommt
in den folgenden Tagen nach und nach wieder, sonst ist mir nichts passiert.
Der zweite Blitz etwa 30 Jahre später: Er nimmt die hohe TV-Hausantenne
ins Visier. Dieses Mal komme ich unversehrt davon – das Fernsehgerät opfert
sein Leben für mich.

Also, was soll mir da noch passieren, denke ich mit einem Anflug von Belustigung,
denn auf dem Messingschild steht:

ZU ZWEIT
Partnervermittlung

Neben dem Schild der Eingang des Geschäftshauses – wieder schweifen
meine Gedanken ab. Zum ersten Mal in meinem Leben scheint sich für mich
eine lang verschlossene Tür zu öffnen: Eine kleine Erbschaft gewährt mir die
Erfüllung eines Wunsches. Ach, wie habe ich mich die ganzen Jahre danach gesehnt:
Eine eigene Familie gründen! In deinem Alter, du spinnst wohl! Das war
mein Verstand, und natürlich hat er recht, aber vielleicht einen lieben Partner
kennenlernen, mit ihm schöne Reisen unternehmen. Von der Welt habe ich ja
so gut wie noch nichts gesehen. Den Anschluss an die Gesellschaft wiederfinden,
aus der ich komplett herausgerutscht bin.

Mein Biologiediplom habe ich in der Hand. Die Umweltbewegung hat mich
sehr beeindruckt. Mich auch beruflich für den Umweltschutz zu engagieren
– das ist mein Ziel. Da werden beide Eltern fast gleichzeitig krank. Eine
Pflegekraft oder ein Pflegeheim übersteigt unsere Geldmittel, also übernehme
ich die Betreuung. Der Traum von Karriere, einer eigenen Familie – geplatzt.
Ich nehme einen Brotjob in einer Behörde an, um finanziell auf eigenen
Füßen zu stehen und den Anschluss an das ‚normale‘ Leben nicht ganz
zu verlieren. Jahrzehntelang hetze ich nun zwischen Arbeitsplatz, Hausarbeit und
Krankenpflege hin und her. Ein 20-Stunden-Tag ist für mich normal. Dann bleibt
mir für beide nur noch das Pflegeheim, eine Versorgung der jetzt Schwerstkranken
ist mir in unserer Mietwohnung nicht mehr möglich. Aber frei bin ich immer noch
nicht. Zwei befreundete Nachbarinnen haben mich die ganze Zeit unterstützt, ein
Auge auf die Eltern gehabt, wenn ich tagsüber abwesend war, dringend benötigte
Medikamente aus der Apotheke geholt und anderes – ohne sie hätte ich das alles
nicht geschafft. Nun sind auch diese hilfsbereiten, alleinstehenden Damen alt und
krank. Ich kann sie einfach nicht im Stich lassen …

Nur – wie einen Partner finden? Die Zeiten, wo ein edler Ritter auf weißem
Ross vorbeigeritten kommt und um die Hand des Burgfräuleins anhält, sind
nun einmal vorbei. Partnerbörsen im Internet? Zu riskant für mich völligen
Neuling auf dem Gebiet der Partnersuche, ich bräuchte jemanden mit Erfahrung,
so eine Art Partnervermittlung. Gibt’s das in Internetzeiten überhaupt
noch? In meiner Heimatstadt Bonn bestimmt nicht, aber ich hatte doch irgendwo
ein Branchen-Telefonbuch von Köln, der Großstadt. Und es gibt dort
tatsächlich noch ein Partnervermittlungsinstitut, sogar deren mehrere. Welches
jetzt wählen? Mir kam eine grandiose Idee: Im Zentrum einer Stadt sind die
Mieten am höchsten, wer sich dort Geschäftsräume leisten kann, muss einen
guten Umsatz haben, also erfolgreich sein. Also her mit dem Stadtplan.

Du spinnst, mit 58! Das war wieder mein Verstand. Aber wenigstens einmal
anrufen, fragen, ob in meinem Alter überhaupt noch Aussichten bestehen –
was soll schon passieren, mehr als mich ablehnen können sie ja nicht. Dann
neue Zweifel: Wenn die Sache aussichtslos ist, bedeutet das in meinem Fall
endgültige Einsamkeit bis zum Tod. Will ich das überhaupt so genau wissen?

Aber auf einmal – die erste positive Wendung meines Lebens hatte mir
wohl ungeahnten Mut verliehen – hielt ich den Telefonhörer in der Hand,
wählte die Nummer, lauschte atemlos in den Hörer. Vielleicht meldet sich ja
niemand, vielleicht gibt es die Partneragentur überhaupt nicht mehr, vielleicht
besser so. Nein, es wurde abgehoben, ein netter, der Stimme nach jüngerer Mitarbeiter war am Telefon. Meine eigene Stimme, vor Aufregung ganz rau. Die
bewusste Frage, das Alter – ich sehe noch ganz passabel aus, beeile ich mich zu
versichern. Kein Problem, sagte mein Gesprächspartner freundlich, sie nähmen
Kunden bis 70 Jahre an. Und schon hatte ich einen Termin – keine peinlichen
Fragen; das Ganze war wohltuend sachlich über die Bühne gegangen.

Und heute – genauer gesagt jetzt – ist dieser Termin. Hilfe, wie lange stehe
ich schon vor dem Türschild? Vor Schreck drücke ich schnell auf den zugehörigen
Klingelknopf, nun gibt es kein Zurück mehr. Der Türöffner wird betätigt,
ich betrete ein großzügiges, sauberes Treppenhaus, eine junge Mitarbeiterin
erwartet mich am Eingang der Geschäftsräume im ersten Stock, führt mich
in eines der Besucherzimmer und bittet mich freundlich, kurz zu warten. Ich
werde mutiger, sehe mich um: Die Einrichtung ist freundlich und modern,
keine Spur eines von mir befürchteten Plüsch-Ensembles. Ich sitze auf dem
bequemen Sofa einer eleganten Sitzecke, unter meinen Füßen ein Designer-
Teppich. Aber kaum hat sich eine Befürchtung zerstreut, erhebt die nächste
ihr skeptisches Haupt: Würde ich den hier gestellten Ansprüchen genügen?
Die Altersfrage war zwar geklärt, jedoch … Im Geiste gehe ich eine regelrechte
Mängelliste durch. Haupt-Knackpunkt: meine für eine Frau etwas ungewöhnliche
Körperlänge von fast ein Meter achtzig. Die nette Angestellte von eben
kommt wieder; ein angebotenes Mineralwasser lehne ich höflich ab, vor Aufregung
brächte ich keinen Schluck herunter.

Etwas anderes kann ich nicht ablehnen, ohne unangenehm aufzufallen: Die
junge Frau schleppt zwei dicke Kladden herbei, sozusagen die ‚Gästebücher‘
des Hauses. In ihnen haben alle von der Agentur vermittelten Paare einige
Dankeszeilen hinterlassen und ich könne darin blättern. Ich bin viel zu nervös,
um das Geschriebene zu erfassen, ich versuche es trotzdem. Pflichtschuldigst
wende ich die Seiten, Dankesschreiben um Dankesschreiben, alle in goldener Schrift. So viele Erfolge, vielleicht habe ja auch ich noch eine Chance. Und wie
mag wohl ein Füller mit goldener Tinte aussehen. Irgendetwas ist seltsam, ich
komme und komme nicht darauf – vielleicht, nein bestimmt die Aufregung.

Das Eintreten der offenbar für das ‚Examinieren‘ von Neuzugängen zuständigen
Mitarbeiterin unterbricht meine Gedankengänge. Die Dame ist schlank
und – welch eine Beruhigung – fast so groß wie ich. Ihre Stimme klingt angenehm,
verrät aber, dass auch sie nicht mehr ganz jung ist. Ihre Miene: Ein aufmunterndes
Lächeln steht in seltsamem Gegensatz zu völlig starren Gesichtszügen
– ach, vielleicht sehe ich auch jetzt vor Aufregung etwas falsch. Oder
vielleicht nicht nur vor Aufregung, denn ich gebe mir einen Ruck und gestehe
meinen zweiten Knackpunkt: Ich habe keinen Führerschein! So, nun ist es raus.
Nein, ich bin keine Alkoholikerin, sondern bei mir wurde als Kind eine Sehschwäche
des rechten Auges festgestellt – angeboren und leider nicht behandelbar,
wie der Augenarzt sagte. Mein Vermögen, Entfernungen richtig abzuschätzen
sei dadurch beeinträchtigt und die zum Führerscheinerwerb erforderliche
Sehprüfung würde ich nicht schaffen. Meine Eltern nahmen es gelassen.

„Man merkt dem Auge von außen nichts an“, sagt meine Mutter, „es entstellt
dein hübsches Gesicht doch nicht. Du siehst aus wie die junge Romy Schneider und
das ist schließlich das Wichtigste.“ Das mit der Romy Schneider sagt sie nicht nur
mir, sondern allen, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Ich lerne, mit
der Sehschwäche zu leben. Entfernungen lassen sich auch an den Licht-Schatten-
Verhältnissen grob abschätzen – das erkenne ich früh und entwickle darin mit der
Zeit eine erstaunliche Fertigkeit. Häufig wiederkehrende Bewegungsabläufe schnell
‚auswendig‘ lernen und perfektionieren – für mich ebenfalls kein Problem. Gelegentliche kleine Missgeschicke nehme ich mit Selbstironie. So ist mir man mir meist nicht böse – oder vielleicht wegen des Romy-Schneider-Gesichts?

„Ohne Führerschein – ist das schlimm?“ höre ich mich bang fragen. Aber
nein, sagt die ‚Verhörspezialistin‘, wenn man sich wirklich liebe, sei so etwas
völlig nebensächlich; außerdem sähe ich noch sehr gut aus und hätte eine tolle
Figur.